Zeitzeugengespräche 2025/26 - Gerhard Wiese


"Ihr seid jetzt Soldaten. Ihr bekommt einen Sold von 1,50 und Zigaretten.”

Diese Worte bekam Gerhard Wiese zu hören, als er im Januar 1945 mit nur 17 Jahren im Zweiten Weltkrieg nach zwei Jahren als Flakhelfer zum Soldaten ernannt wurde. Wenige Monate später geriet er in sowjetische Gefangenschaft, wo man ihn zur Demontage von Fabriken einsetzte, die als Reparationen Deutschlands an Russland dienen sollten.
Wenige Monate später, im August 1945, wurde er freigelassen. Seine Gefangenschaft überstand er weitgehend unverletzt, bis auf eine Tuberkulose, von der er ohne schwerwiegende Komplikationen genesen konnte.

Nach seinem Abitur 1947 strebte er eigentlich an, Apotheker zu werden, dies wurde ihm allerdings von seinem damaligen Amtsarzt aufgrund seiner Lungenvorerkrankung verweigert. Inspiriert von seinem Onkel, der Jurist war, schlug Gerhard Wiese ebenfalls diesen Pfad ein und absolvierte sein Jurastudium an der Freien Universität Berlin.
Trotz dieser interessanten Aspekte durften wir Gerhard Wiese vor einem ganz anderen Hintergrund willkommen heißen: Als Anwalt der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt 1963.

Wie kam es dazu?
1956 wurde Wiese nach Frankfurt versetzt, wo er zum ersten Mal auf den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer traf. Als treibende Kraft und Hauptankläger der Auschwitzprozesse beauftragte er sechs Jahre später Gerhard Wiese und zwei weitere Anwälte, Anklageschriften gegen die 22 Beschuldigten zu verfassen.
Wiese waren zwei besonders brutale SS-Männer zugeteilt worden: Oswald Kaduk und Wilhelm Boger, letzterer auch bekannt als “Die Bestie von Auschwitz”.


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Am 20.12.1963 begannen die Auschwitz-Prozesse. Wiese beschrieb sie in seinem Vortrag als eine schwierige Zeit für die Zeugen; für viele waren die Erinnerungen so schmerzhaft, dass sie sich unterbrechen mussten und erst nach einer Pause weitermachen konnten.
Als 1964 ein Antrag auf eine Ortsbesichtigung in Auschwitz gestellt wurde, kam es dazu, dass sich Ende des Jahres ca. 40 Richter und Anwälte, inklusive Wiese, auf dem Weg nach Auschwitz befanden. Während der gesamten Reise standen sie unter Zeitdruck, denn damals durfte ein Prozess nur für zehn Tage unterbrochen werden. Die dort gesehenen Eindrücke flossen mit in das Verfahren ein: Das Konzentrationslager als Tötungsmaschine - die Erinnerungen der Zeugen, die beschrieben hatten, welche Grausamkeiten dort vonstatten gegangen waren.
Wiese beschrieb die Schwierigkeiten, die sich während des Prozesses ergaben. Zum einen mussten sie ohne Internet arbeiten - alles musste von Hand abgeschrieben, sortiert und katalogisiert werden. Zum anderen gab es von Seiten der Angeklagten kein Entgegenkommen, stattdessen wurde jegliche Teilnahme an dem Horror, der sich in Auschwitz abspielte, verleugnet. Wiese betonte, dass keiner der Angeklagten Reue oder Einsicht zeigte.
Durch Wieses Mithilfe kam es im Prozess zu mehreren lebenslangen und einigen weiteren Haftstrafen. Es ist mitunter ihm, Fritz Bauer und seinen Kollegen zu verdanken, dass viele SS-Männer zur Rechenschaft gezogen wurden und wir heute über die Bestialtät, die sich in Auschwitz abspielte, in Kenntnis gesetzt werden konnten.
Wir danken ihm für seinen fesselnden Zeitzeugenbericht und dafür, dass er sich am Ende des Vortrags Zeit für unsere zahlreichen Fragen nahm. Wir wünschen ihm alles Gute und viel Gesundheit für seine Zukunft.

(Anna Sophia Hollidt und Mariana Benilov, Q3)