Zeitzeugengespräch 2020


Seinen Vater sucht man sich nicht aus​​​​​​​

Am 4. und 11. November wurde die Q3 anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht, am 9. November 1938, von Herrn Gerhard Herbert, einem Zeitzeugen der NS-Zeit, besucht. Wir sind äußerst dankbar, dass Herr Herbert das Risiko in der momentanen Situation auf sich genommen hat, um uns über sein Leben und seine Erfahrungen zu berichten.

Herr Herbert wurde im Jahre 1931 als Sohn eines hochrangigen SS-Offiziers geboren. Seine Familie zog während seiner Kindheit häufig um, was es ihm und seinen vier Geschwistern schwer machte, Freunde zu finden und Sport zu treiben. Zusätzlich wurde das Sozialleben der Kinder dadurch beeinträchtigt, dass Nachbarn sich fürchteten mit der Familie Kontakt zu haben, aus Angst sie seien Spitzel.

Die Reichspogromnacht war für den 7-jährigen ein bizarres Erlebnis. Aus der Wohnung seiner Familie in Köln sah er über der ganzen Stadt Rauch aufsteigen. Sein Vater schien selbst als hochrangiger Offizier nichts von den Plänen Goebbels zu wissen, entschied sich aber dagegen, den Juden zu helfen.

Im Alter von 10 Jahren wurde es Herrn Herbert durch die Position seines Vaters im Führungsstab der SS ermöglicht die Napola auf Schloss Bensberg bei Köln zu besuchen. Das Ziel dieser Nationalpolitischen Erziehungsanstalten war die Ausbildung von späteren Führungskräften der Nationalsozialisten. Das reine Jungeninternat legte den Fokus auf sportliche Betätigung, was dafür sorgte, dass sich der, laut eigener Aussage unsportliche, Herr Herbert fehl am Platz fühlte. An den militärisch geprägten Tagesablauf der Schüler erinnert sich Herr Herbert noch ganz genau. Die Lerninhalte waren darauf bedacht, Soldaten „flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“, wie Herr Herbert zitiert, zu erziehen. Die Erziehungsanstalt vermittelte zwar Grundwissen wie Lesen, Schreiben und Rechnen, war jedoch nicht darauf bedacht, kluge Köpfe hervorzubringen, sondern Soldaten, die in der Lage waren, Befehlen Folge zu leisten. Die Nachmittage waren gefüllt mit vormilitärischer Ausbildung, mit Schießübungen und Geländespielen. Herr Herbert berichtet zudem, dass die Schüler Mutproben, wie das Balancieren auf abgerundeten Mauern, als Eignungstests meistern mussten. Besonders traumatisch war für Herrn Herbert jener Tag, an dem er von einem Dreimeterbrett in ein Schwimmbecken springen musste, obwohl er niemals schwimmen gelernt hatte. Am Wochenende duften die Jungen eigentlich nach Hause fahren, doch Teil der Bestrafungsmaßnahmen war, neben zermürbendem Strafexerzieren, auch der Wochenendurlaubsentzug. Herr Herbert erzählte, dass es im Laufe der Jahre immer mehr Jungen gab, die wieder zu Bettnässern wurden, was Folge von Angst und Stress war. Im Jahre 1945 sollte Herr Herbert eigentlich wegen zweier fünfen nicht versetzt werden, doch das Kriegsende rettete ihn. Am 15. August 1945 kam Herr Herbert wieder nach Hause.

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Im gleichen Jahr wurde Herr Herberts Vater durch seine Frau für tot erklärt, nachdem er aus dem Krieg nicht zurückkehrte. Umso größer der Schock, als 1955 sein Vater in München verhaftet und ein Jahr später vor Gericht auf Grund von Beweismangel freigesprochen wird. Herr Herbert erzählt von einem Auftragsmord, den sein Vater 1933 für das Nazi-Regime ausgeführt hat. Er ist sich sicher, dass der Freispruch durch einen NS-Bekannten seines Vaters bewirkt wurde. Er selbst sieht seinen Vater das erste Mal 1955 in München wieder, beide sind jedoch nicht in der Lage mit dem anderen über das Geschehene zu reden. Die Beziehung zu seinem Vater belastet ihn und seine Familie ihr ganzes Leben lang. Umso beeindruckender ist es zu hören, mit welcher Offenheit Herr Herbert über seine Geschichte spricht.

Herr Herbert hat nach dem Krieg eine Bäckerlehre begonnen und später bei der Post gearbeitet. Letztendlich hat er sich jedoch für den Lehrerberuf entschieden, welchen er mit spürbarer Leidenschaft ausgeübt hat.

Herr Herbert appelliert am Ende unseres Gespräches an uns alle: Wir sollen tunlichst verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Nur wenn man die Erzählung aus der Perspektive von jemandem hört, der selbst betroffen war, kann man das wahre Ausmaß der Geschichte verstehen. Dies ist der Grund, warum Zeitzeugengespräche so immens wichtig sind. Wir sind dankbar für jede Minute, die wir mit einem Zeitzeugen wie Herrn Herbert verbringen dürfen.

Tabea Stamm und Albert Kausch