Alumnus des Monats: Dezember 2025

Ich kam schon 1968 in die Pestalozzischule in Kelkheim Mitte, durch die Kurzschuljahre erst knapp 10 Jahre alt. 2 meiner älteren Geschwister hatten die Schule bereits besucht, weshalb der Nachname Otto dort bereits bekannt war. Ich wurde direkt zum Klassensprecher gewählt und arbeitete als Jüngster in der SV mit. Meine erste Klassenlehrerin, Frau Mührling, war eine ältere Dame mit leicht ungarischem Akzent. Sie stand eines Tages vor uns mit dem Satz: „Kinderchen, ihr müsst reifen wie der Wein"... Darauf entgegnete ich: „das sieht man an ihnen“ und erhielt meine erste Backpfeife von der ansonsten ganz drolligen Lehrerin und wurde zu Rektor Schulz gebracht. Der schmunzelte über den jüngsten Otto und tadelte mich formell.... Wir bauten in den Folgejahren eine sehr starke SV aus, mit der wir 1972 in die Eichendorffschule umzogen und dort einen SV-Raum belegten, den wir auch abschließen konnten.
Mit meinen Freunden Peter und Reiner gaben wir in der 9. und 10. Klasse eine unabhängige Schülerzeitung heraus, die den Namen Hilf trug und die wir mit Hilfe eines Kelheimer Druckers mit einfachsten Mitteln produzierten. Der Name stammte von unserem Titelmännchen - ein dürrer Hungernder aus der russischen Revolution, der mit HILF überschrieben war und gleichzeitig eine Verballhornung des Lehrers Herrn Hilf beinhaltete. Dieser Lehrer Hilf spionierte den Schülern sogar Nachmittags hinterher, immer auf der Suche nach Unregelmäßigkeiten. Bei der uns nachfolgenden Klasse, bei der aus ungeklärten Gründen ein Klassenbuch abhanden kam, inspizierte er eine Feuerstelle am Königsteiner Baumhaus auf der Suche nach Resten in der Asche... So blieb er uns im Gedächtnis. Rektor Schulz ließ uns im Abschlussjahr sogar so viel Freiheit ein Rockkonzert in der Schule zu organisieren, bei dem neben Bier auch Cocktails ausgeschenkt wurden. Ein heute undenkbarer Vorgang. Uns hat er bei der Entwicklung zur Selbstständigkeit geholfen und es gab auch keine Opfer ungezügelten Feierns in den Ecken des Gebäudes. Im Rückblick schmunzele ich über die Jahre in Kelkheim, die ich durchaus positiv im Gedächtnis habe. Nach der Realschule wechselte ich aufs Taunusgymnasium nach Königstein, eine recht elitäre Schule an der 85% der Schüler Nachhilfe bekamen. Mein Freigeist, die Mädels und das Engagement im Jugendzentrum hielten mich vom fleißigen Lernen ab, sodass ich in der 12. Klasse das Handtuch warf und in Kelkheim eine Schornsteinfegerausbildung durchzog. Nach dem Gesellenbrief verweigerte ich zunächst den Zivildienst, ging dann zu einem Freund in die geteilte Stadt Berlin, um einen Berliner Ausweis zu beantragen und um den Zivildienst zu umgehen. Dort lebte ich ein gutes halbes Jahr, bis im Mai 1979 meine ehemaligen JUZ- und Bürgerinitiativ-Freunde am Rand von Kelkheim auf einem riesigen, aufgeschütteten Lehmdamm ein Hüttendorf gegen den Ausbau der B8 errichteten. Dort war ich ab dem 2. Tage dabei und blieb 2 volle Jahre dort und lernte ohne fließend Wasser und Strom zu leben.
Wir waren eine gewaltfreie Umweltinitiative, die Schulklassen Vorträge hielt, Infoabende durchführte, zwei Filme mit dem HR und ZDF über das Dorf drehten, Ackerbau und Viehzucht betrieb und vor allem den Menschen den Wert eines funktionierenden Naherholungsgebietes am Rande eines Ballungszentrums vermittelte. Nachdem wir 1981 von Bulldozern und Wasserwerfern geräumt wurden, bildeten sich zwei neue kommunale Parteien - die UKW in Kelkheim und die ALK in Königstein, die schon recht bald der CDU die absolute Mehrheit nahmen und in Königstein sogar zur stärksten Parlamentsfraktion aufstieg. Mit Hilfe von BUND, der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und Juristen gelang es den beiden Parteien den Bau der B8 im Jahre 2010 zu verhindern. Nach der Dammbesetzung arbeitete ich als Altbausanierer, Gärtner und Altenpfleger, bis ich 1987 beschloss doch noch Sozialarbeit studieren zu wollen und absolvierte meine Fachholschulreife an der Hedwig-Heyl-Schule in Frankfurt.
Allerdings fiel mir durch Zufall ein leerstehendes Lokal in zentraler Lage in Frankfurt-Höchst vor die Füße, dass ich mit 3 Kompagnons im Jahre 1988 unter dem Namen Café Wunderbar eröffnete. Es war eine der ersten Szenekneipen mit gutem Speiseangebot direkt neben dem Neuen Theater Höchst und griff auf die Kunden des großen westlichen Frankfurts, als auch auf den Vordertaunus zurück. Die „Wunderbar" war Kult in den ersten 15 Jahren. Mit dem Klimawandel wurden die Sommer immer länger als auch die schlechten Monate des Lokals, da es damals keinerlei Außenplätze gab. Deshalb ließ ich mich vom Eppsteiner Bürgermeister überreden im dortigen Bahnhof 2007 die „Wunderbar Weite Welt" zu etablieren. Mit meiner Frau und meiner Nichte meisterten wir auch diese Aufgabe, denn es war nicht leicht in einem kleinen Taunusstädtchen ein familienfreundliches Lokal mit Kulturangebot zu etablieren, was uns aber unter hohem persönlichem Einsatz gelang. Heute ist die „Wunderbar Weite Welt“ bekannt für rauschende Partys und tollen Livekonzerte mit hochkarätigen internationalen Bands 1x wöchentlich und einer bunten, familienfreundlichen Speisekarte.
Seit Januar 2025 bin ich formell Rentner nach knapp 40 Jahren Gastronomie, organisiere aber noch die Live-Konzerte, solange es mir Freude macht und ich gesund bleibe!