Kochbuch mit Fl├╝chtlingsgeschichten

logo_presse_fr vom 14.05.2016

Eine Sch├╝lerfirma vermarktet ihr eigenes Kochbuch mit Fl├╝chtlingsgeschichten. Der Firmenname r├╝hrt denn auch von den englischen W├Ârtern f├╝r Rezepte (recipes) und Fl├╝chtlinge (refugees) her.

Sie hat einen Vorstand, Abteilungen f├╝r Marketing, Produktion und Verwaltung, l├Ądt Anteilseigner zu Hauptversammlungen, schreibt Gewinn- und Verlustrechnungen und sucht st├Ąndig neue Absatzm├Ąrkte. ÔÇ×RecigeesÔÇť ist fast eine normale mittelst├Ąndische Firma. Ihre 14 Besch├Ąftigten sind aber Jugendliche, die an der Kelkheimer Eichendorff-Schule ├╝bern├Ąchstes Schuljahr Abi machen wollen. Ihr Produkt, das Kochbuch ÔÇ×GrenzenlosÔÇť mit Gerichten und Geschichten von Fl├╝chtlingen, l├Ąuft so gut, dass eine zweite Auflage n├Âtig wurde.

Begeisterter k├Ânnen Unternehmer kaum von ihrer Arbeit erz├Ąhlen, als Vorstandsvorsitzende Simone Kuhn, ihre Stellvertreterin und Verwaltungschefin Lisa Henties sowie Leonardo Lagona, Abteilungsleiter f├╝r Marketing, dies tun. ÔÇ×Ich k├╝mmere mich lieber um die Firma als Hausaufgaben zu machenÔÇť, sagt Simone. Lisa schw├Ąrmt davon, wie lebensnah das Projekt sei. Leonardo hat einen Onkel, der einen Betrieb f├╝hrt, und liebt es, sich in der Sch├╝lerfirma zu verwirklichen.

PoWi-Lehrer Roland Struwe konnte bereits zum zweiten Mal junge Menschen f├╝r die Gr├╝ndung einer so genannten Junior-Firma gewinnen. Selbst├Ąndigkeit lockt. Erst sp├Ąter ging es darum, ein Produkt zu entwickeln. Die Vorg├Ąngerfirma hatte aus altem Jeansstoff Turnbeutel gen├Ąht und verkauft. Dem neuen Team dr├Ąngte sich vorigen Sommer die Idee auf, ÔÇ×etwas mit Fl├╝chtlingenÔÇť zu machen. Vielleicht mit Essen? Der Firmenname r├╝hrt denn auch von den englischen W├Ârtern f├╝r Rezepte (recipes) und Fl├╝chtlinge (refugees) her.

recigees - 2016

Lisa Henties und Leonardo Lagona mit ihrem Fl├╝chtlings-Kochbuch
im Foyer der Eichendorffschule. (Foto: Michael Schick)

B├╝rokratische H├╝rden

Wie im wirklichen Leben mussten die Neuunternehmer damit klar kommen, dass sich nicht jede Gesch├Ąftsidee eins zu eins umsetzen l├Ąsst. Wegen b├╝rokratischer H├╝rden sei es nicht gelungen, mit Fl├╝chtlingen in Kelkheimer Unterk├╝nften zu reden, zu kicken, zu kochen und dabei Stoff f├╝r ein Buch zu sammeln.

Mit Fl├╝chtlingskindern an der Schule sei man dann aber doch ins Gespr├Ąch gekommen. Die gaben Rezepte weiter und erz├Ąhlten von Landestraditionen. Pers├Ânliche Geschichten von Flucht und deren Ursachen zu erfahren sei dagegen eher schwer gefallen.

Auf der Suche nach weiteren Quellen stie├čen die Jungunternehmer und Autoren auf den Eppsteiner Fl├╝chtlingskreis und dessen Helferin Gisela Rasper. Der alten Dame gefiel das Vorhaben, ein Gl├╝cksfall: Einerseits hat sie das Anliegen zu den Fl├╝chtlingen weitergetragen. Andererseits steuerte sie als in Teheran geborene Tochter von Kaukasusdeutschen eigene Fluchterlebnisse und s├╝dl├Ąndische Rezepte bei.

Insgesamt 30 Kochanleitungen, auch aus Eritrea, Pal├Ąstina, Bosnien oder dem Iran, enth├Ąlt das Buch. Dar├╝ber hinaus gibt es mit seinen Hintergr├╝nden, den aktuellen wie historischen Erlebnisberichten auch Einblick in unbekannte Lebenswelten,

Bisweilen arbeiten die Mitarbeiter auch 40 bis 50 Stunden im Monat. Lisa schw├Ąrmt dennoch: ÔÇ×Wir lernen in der Firma mehr als in der Schule.ÔÇť So hat das Team Kapitalgeber gewonnen, unter ihnen Autorin Nele Neuhaus, hat s├Ąmtliche Gerichte nachgekocht, mit Designern und Druckern verhandelt, und auf dem Wochenmarkt verkauft. Am Dienstag stellen sich die ÔÇ×RecigeesÔÇť-Leute beim Landeswettbewerb der Sch├╝lerfirmen ihrer Konkurrenz.

Das Buch ist f├╝r zw├Âlf Euro in Kelkheimer Buchl├Ąden und ├╝ber recigees@gmail.com zu haben.

(ULRICH GEHRING)